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Röthlin ist Europameister
Nach einem klugen und offensiven Rennen gewinnt Viktor Röthlin in Barcelona EM-Gold im Marathon.
An diesem 1. August passte für Viktor Röthlin alles zusammen: Form, mentale Bereitschaft und Renninstinkt. Der Obwaldner gewann an den Europameisterschaften in Barcelona in 2:15:31-Stunden den Marathon. Damit ist Röthlin erst der vierte Schweizer Europameister nach Fritz Schwab (1950/10 km Gehen), Philippe Clerc (1969/200 m) und Werner Günthör (1986/Kugelstossen) – der erste Europameister auf einer Langstrecke.
Röthlin lief ein kluges, ein mutiges Rennen. Bereits in der Anfangsphase zeigte er sich stets in den vordersten Positionen. Als der Russe Juriy Abramow früh attackierte war er es, der die Lücke schloss. Später erklärte er: «Ein ähnliches Rennszenario wie 2002 an der EM in München wollte ich verhindern.» Damals setzte sich Aussenseiter Janne Holmen (Fi) früh ab, war fortan nie mehr gesehen und gewann völlig überraschend den EM-Titel.
Chef im Feld
Als «Chef im Feld» präsentierte sich Röthlin zusehends. Und bei Kilometer 27 ergriff er die Initiative vehement. Er setzte sich ab. Schnell vergrösserte sich sein Vorsprung: 10, 15, 30 Sekunden, bald eine Minute und mehr. «Es war ein Bauchentscheid», erklärte Röthlin seine Taktik, die nicht eigentlich vorausgeplant war: «Mitfavorit José Manuel Martinez sah zu diesem Zeitpunkt schlecht aus, und ich wollte es tunlichst vermeiden, mit ihm, dem Spanier, die letzten Kilometer zu bestreiten.» 2:19-Minuten lag er schliesslich in diesem von der Hitze geprägten Rennen vor dem Spanier. 2:45-Minuten betrug der Vorsprung auf den drittplatzierten Dmitriy Safranow (Rus).
Nach EM-Silber vor vier Jahren in Göteborg, WM-Bronze vor drei Jahren in Osaka und dem 6. Platz bei Olympia vor zwei Jahren komplettiert dieses Goldmedaille Röthlins Palmares. Und es ist für den Post-Cup-Gesamtsieger von 2006 ein ganz spezieller Erfolg: 16 Monate zuvor schrammte er bei seinen beiden Lungenembolien haarscharf am Tod vorbei. Die Rückkehr an die Spitze war sein Plan. Die zielstrebige Arbeit ging auf den Tag genau auf.

Sabine Fischer starke 9.
Neun Jahre nach ihren letzten internationalen Bahn-Titelkämpfen (WM Edmonton) und gar zehn Jahre nach Olympia feierte Sabine Fischer (37) an der EM in Barcelona mit Rang 9 über 5000 m ein überzeugendes Comeback an den Grossanlass.
Mit ihrer Zeit von 15:19,80 Sekunden steigerte sie ihre eigene Bestmarke um gut 15 Sekunden. Und in der «ewigen» Schweizer Bestenliste stiess sie auf Position 3 hinter Anita Weyermann (14:59,28) und Daria Nauer (15:13,94) vor. «Ich bin vollauf zufrieden», strahlte sie – zu Recht.
«Keine Zeit und keinen Rang vorgenommen» hatte sie sich, sondern einfach «taktisch klug laufen». Das tat sie. Sie zog unterwegs immer die richtigen Schlüsse. Einer davon war, den Anfangsrhythmus der sechsköpfigen Spitzengruppe um die spätere Europameisterin Alemitu Bekele (Tur), eine ehemalige Äthiopierin, nicht mitzugehen. Stattdessen positionierte sie sich in den vordersten Positionen der Verfolgerinnen. Und dort lief sie bis 4100 m mit. Bis sie feststellte, «jetzt würde ich mich übernehmen, zöge ich weiterhin mit». Sie drosselte das Tempo leicht, hielt aber die Position sicher bis ins Ziel. Als neunte war sie um einen Rang und fast zehn Sekunden vor ihrer nächsten Verfolgerin klassiert: Aniko Kalovic (Un), der Siegerin des GP Bern.
«Ein Genuss»
Für Sabine Fischer war das Rennen ein Genuss: «Ich bin gemacht für solche Meisterschaftsrennen», sagte sie. Rennen sind’s, die vom Kopf etliches verlangen, Rennen, die taktisches Geschick erfordern, Feingespür. Sabine Fischer konnte ihre Erfahrung voll nutzen.
Aber auch Sabine Fischer hatte eine lange Durststrecke zu durchstehen. Ermüdungsbrüche bremsten sie zuerst. Als sie wieder bereit war, Anlauf zu nehmen, machten ihr Verletzungen, Unfälle oder Erkrankungen einen Strich durch die Rechnung. In diesem Jahr ging die Rechung für die fünffache Post-Cup-Gesamt-Zweite erstmals auf. Sie qualifizierte sich und konnte sich gezielt auf das Titelrennen vorbereiten.

Grenzen für Neuenschwander und Morceli
Enttäuschend verlief der EM-Marathon für Maja Neuenschwander (27.) und Patricia Morceli.
Bei Hitze und voller Sonneneinstrahlung brach Neuenschwander auf den letzten Kilometern der 42,195 km durch die Innenstadt Barcelonas ein. Das Ziel erreichte sie nach 2:45:17-Stunden völlig entkräftet an 27. Stelle. «Alles schmerzte, ich brachte kaum mehr ein Bein vors andere», beschrieb sie. Mit «Lehrgeldbezahlen» umschrieb sie das Erlebte bei ihrem ersten internationalen Meisterschafts-Marathon. Lange hatte sie sehr gut im Rennen gelegen. Bei Streckenhälfte verlor sie 1;47-Minuten auf die Spitze, bei Kilometer 30 waren es 4 Minuten, im Ziel lag sie 14:03-Minuten hinter Siegerin Zivile Balciunaite(Lit). «Ab Kilometer 30 wurde es brutal hart, ab da war ich völlig leer», sagte Neuenschwander.
Schon früher ans Limit stiess Partrizia Morceli. Sie musste bei Kilometer 30 entkräftet aussteigen.

Bandi: Möglichkeiten nicht umgesetzt
Mit einer grossen Enttäuschung endete der Vorlauf über 5000 m für Philipp Bandi.
Nach 13:58,11-Minuten schied er als 21 von 28 aus. «Als der Rhythmus auf den letzten fünf Runden erhöht wurde, konnte ich nicht zusetzen», sagte er. Ab diesem Zeitpunkt sei sein Laufen «es Gnorz» gewesen und die Aussicht auf den avisierten Finalplatz sehr rasch Illusion. Mit Bedauern hielt der Post-Cup-Gesamtsieger von 2007 und 2008 fest: «In dieser Saison entwickeln sich die Zeiten einfach nicht.» Noch immer stellen die 13:44,73-Minuten vom Saisonauftakt die Bestmarke dar – das ist auf diesem Level zu wenig.

Strähl: Geniessen statt leiden
Martina Strähl lief an der EM über 10'000 m auf Platz 11. Sie betrachtete ihr Resultat differenziert.
Nach sieben der 25 Bahnrunden musste die 23-jährige Psychologie-Studentin aus Oekingen auf der blauen Piste des Olympiastadions von Barcelona umstellen. Mit der Spitzengruppe kam sie nicht mehr mit. Sie liess sie ziehen. In der Folge war sie während mehreren Runden auf sich alleine gestellt. Was forderte und zur Einsicht führte: «So alleine kann ich meine Grenzen nicht mehr antasten.»
Also hakte sie ihr ursprüngliches Ziel von einer neuen persönlichen Bestleistung ab. «Geniessen statt leiden», sagte sie sich nun. Das gelang. «Dieses Rennen enthielt einen riesigen Spassfaktor», hielt sie nach ihrem Einsatz fest. Knapp 20 Sekunden blieb sie über ihrer Bestmarke. Mit 33:37,89-Minuten belegte sie den beachtlichen 11. Rang und verbesserte ihren Melderang (15) um vier Positionen. Und die Bahn-Leichtathletik, mit welcher die letztjährige Berglauf-Europameisterin eben erst begonnen hat, soll noch zahlreiche weitere Kapitel angefügt erhalten.

Belz mit dem Optimum
Mit Rang 6 über 10'000 m glückte Christian Belz an der Leichtathletik-EM in Barcelona ein Topergebnis.
Christian Belz machte im 28-köpfigen Feld über die 25 Bahnrunden alles richtig. Anfangs hielt er sich zurück. Die erste Streckenhälfte lief er in den hintersten Positionen. Als sich das Riesenfeld aufzusplitten begann, war der bald 36-Jährige aber immer zur Stelle, um die Lücke zu schliessen. Diese anspruchsvolle Aufgabe erfüllte er dank «Routine, Renninstinkt, aber auch Glück», wie er festhielt. Erst bei Kilometer 8 musste er die Spitze ziehen lassen. Rang 6 hielt er souverän. «Dieses Resultat entspricht dem Optimum», freute er sich.
Als Gegenpol zum vierten Rang vor vier Jahren in Göteborg lässt es sich werten. Damals war er als Nr. 2 auf der Meldeliste angetreten und entsprechend enttäuscht mit dem Rennausgang. Nun trat der Post-Cup-Gesamtsieger von 2005 und 2009 nach langer Verletzungspause (heikle Knieoperation 2008) und durchkreuzter Vorbereitung (Rückenprobleme im letzten Winter) unter völlig unterschiedlichen Vorgaben an – mit der 21. Zeit. «Ich wollte mich selber überraschen und das ist mir vollständig geglückt», sagte er. Die Medaillen gingen an Mo Farah (Gb), Chris Thompson (Gb) und Daniele Meucci (It).
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